Thementrack 5 - session 2
Thementrack 5 - session 2
Was bedeutet Standort für die zukünftige Entwicklung der kreativen Branchen, auch und gerade jenseits der Metropolen - Sebastian Dresel
++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++Vorab: wir hatten eine sehr inspirierende, super Session, die gerne hin und her sprang und von Anfang an keine Einbahnstraße war. Die Textfassung ist dadurch sehr umfangreich geraten. Wer nur Ergebnisse lesen möchte sollte ans Ende scrollen.
Zur Person: wer
Sebastian Dresel hat für Magazine wie Spex und Groove geschrieben und ist eine DJ Legende der Mannheimer Clubszene; für diese kämpft er jetzt ganz offiziell an vorderster Front - seit 2007 bekleidet er das Amt des Beauftragten für Musik und Popkultur der ungefähr 350.000 Einwohner zählenden Stadt an Rhein und Neckar.
Zum Wirkungsfeld: was und wo
Seine Wirkungsstätte liegt im Jungbuschviertel, wo es seit mittlerweile fünf Jahren den Musikpark, eine Art Existenzgründerzentrum für Unternehmen rund ums Musikbusiness gibt. Dieses Kreativquartier hat sich im Zuge der Popakademie Gründung vor rund 7 Jahren in Mannheim angesiedelt, die geographische Konzentration ergibt sich aus der besonderen Situation Mannheims als vollkommen vollgebauter Stadt - anders als Berlin (noch zumindest).
Die Fragen, das wie, um die/das sich die Session dann vor allem drehte, waren:
- wie wichtig ist ein Standort für die Entwicklung einer kreativen Szene, welche Merkmale zeichnen ihn aus?
- was sollte eine Stadt/Kommune tun und fast noch wichtiger: was sollte sie auf keinen Fall tun? = welche Handlungsmöglichkeiten stehen auf lokaler Ebene zur Verfügung, um Kreativwirtschaft zu fördern
Als Frage, die sich im Laufe der Diskussion als absolut entscheidend herauskristallisierte, kam noch hinzu:
- Was heißt heutzutage Arbeit? Hat sich das Leben, der Lebensstil und die Auffassung von Arbeit nicht vollkommen gewandelt, hat die Kreativwirtschaft hier nicht eine Pionierfunktion inne?
Diese Frage stellte sich ihm, als er mitbekam, dass viele Popakademie-Absolventen nach Berlin zogen - obwohl sie keinen Job hatten und die Aussichten auch eher lau waren, diesen Zustand in Kürze zu ändern. War das Lebensumfeld, das Berlin bot einfach so viel interessanter? Hat sich hier ein Mentalitätswandel vollzogen, von der Sicherheit hin zum Risiko und dafür mehr Raum?
Sollten Städte also versuchen, Lebensumfelder zu gestalten (das hieße dann wohl auch, öffentlichen Raum zuzugestehen, Freiräume zu lassen) oder sollen sie versuchen, indirekt und passiv zu fördern, indem sie Geld in die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Kommune stecken?
Wenn es um die öffentliche Förderung von Popmusik geht, so kommen dafür drei Töpfe in Frage: Jugend, Kultur und Wirtschaft.
Ein weiteres Feld, das sich in diesem Zusammenhang immer wieder auftut, ist die Frage nach der Definition von Kultur. Ist die Technoparty nur Kommerz oder ist sie auch Kultur, weil in Mannheim tatsächlich eine "interkulturelle" Veranstaltung? Schnell ist man bei den jeweiligen Fördertöpfen also am Überzeugungsarbeit leisten, dass eine bestimmte Veranstaltung "Kultur" ist usw. (Eine Anregung war, Pop auch mal wieder als Kunst zu sehen und sich auf dem Kunstmarkt nach möglichen Vorbildern umzusehen. Die Fotografie Kunst ja oder nein Debatte der 20er Jahre liefert hier eine gut übertragbare Folie.)
Wenn die Grundsatzentscheidung pro Kulturförderung durch Stadt oder Staat (siehe dazu auch die große Geschichte in der aktuellen Spex #322 Sept/Okt 2009, http://www.spex.de/ausgaben/spex322/ Pop mit Staatsknete) gefallen ist, kommt es vor allem auf Strukturen an.
So wie die Fördertöpfe sich auf drei aufteilen, so spielen unheimlich viele Ressorts eine Rolle, wenn es um Popkultur geht - Baurecht, Gastro, Arbeit, Stadtplanung und Stadtmarketing, Umweltschutz, um nur einige Beispiele zu nennen.
Kreativwirtschaft sollte daher in all diesen Ressorts und ihren jeweiligen Spezialisten als strategisches Ziel der Stadt vorgegeben sein, die Aufgabe eines Popbeauftragten ist es dann auch eher, bei all diesen unterschiedlichen Stellen, Begeisterung zu wecken. Er agiert damit auf zwei Ebenen. Zum einen auf einer übergeordneten, strategischen und zum anderen auf der Detailebene.
In der Diskussion mehrerer Stadtmodelle ergab sich dann ein zuerst vielleicht verblüffendes Ergebnis:
Der Versuch, Kreativwirtschaft räumlich zu bündeln ging in vielen Fällen nach hinten los. Dort, wo Städte versuchten, ihre Clubszene (beispielsweise) in einer Straße zu fixieren, machte die Qualität kaputt, es waren die Zwischennutzungen, die sebstbesetzten Freiräume, die spannend waren bzw. sind, sei das nun die Admiralsbrücke in Kreuzberg oder das Rocko (?!) in Stuttgart --- könnte ein Vorteil Berlins auch darin liegen, dass das Ordnungsamt hier nicht alles mitbekommt? Das Laissez-faire, das "Hm, hier sind ja gar keine Lichter auf der Treppe..." Oder sind es einfach nur die vielen freistehenden Räume (was auch Leipzig momentan ausmacht)?
ERGEBNISSE:
Standorte sind attraktiv, wenn sie:
- viel Freiflächen zur Verfügung haben, viel Platz - keine Zookäfigzuweisung
- gute Vermittler haben, die die unterschiedlichen Bedürfnisse austarieren
Was können Städte tun:
- Leute in Fachressorts begeistern, Kulturförderung als strategisches Ziel umsetzen
- Gelegenheiten für Kultur wahrnehmen und möglich machen: Arbeitsbörsencharakter
- eruieren, wo der Markt ist, wo das Publikum sich aufhält
- entgegen den langfristigen Zyklen der Stadtplanung handeln, Zufall zulassen
- akzeptieren, dass Arbeit und ihr Verständnis sich geändert haben, Experimentalcharakter hat, der Raum zum Ausprobieren und Scheitern lassen muss
Was sollten Städte nicht tun:
- keine eigene Kreativförderungswirtschaftsabteilung bilden
Was kann daraus folgen:
Kreativwirtschaft als "Pionierpflanze für Arbeitsauffassung", durch Wandertendenzen agieren Kreative als Kultivatoren von Stadtvierteln, sorgen für eine Wertsteigerung, die allen zugute kommt. In vielen Köpfen gilt es hier noch Wahrnehmungsschwellen zu überwinden.
Last changed by Dorothea Martin on 16/09/2009 at 22:56
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